Grüße aus Berlin

Jochen Schlenk vor dem Bundestag

Jochen Schlenk vor dem Bundestag

Unser ehemaliges Mitglied Jochen Schlenk macht gerade ein Praktikum im Deutschen Bundestag. Wir finden, er sieht ganz schön happy aus – ob es wirklich so ist, lest ihr hier. 

Also ich muss schon sagen: Irgenwie kann ich diesen AfD-Anti-Establishement-Hype hier in Deutschland ja durchaus nachvollziehen. Im Fernsehen sieht man irgendwelche Anzugträger und Anzugträgerinnen mit sitzender Krawatte oder schickem Blüschen, die sich gegenseitig verbal an die Gurgel gehen. Die eigene Partei ist die Geilste von allen und die Anderen sind sowieso immer blöde – schon immer gewesen. Hinter verschlossenen Türen werden irgendwelche Deals ausgehandelt und überhaupt ist ja schon lange klar, dass Politik nicht mehr für die kleinen Leute gemacht wird!

So in der Art wird das Spiel unserer Volksvertreter wahrgenommen.

Mein Name ist Jochen Schlenk, ich bin 20 Jahre alt und mache derzeit ein Praktikum im Deutschen Bundestag. Nach einem Monat kann ich natürlich nicht von mir behaupten, die ganze politische Welt entschlüsselt und für mich offengelegt zu haben, jedoch verstehe ich die Prozesse nun deutlich besser. Auf jeden Fall hat sich mein Bild von der Politik und Politikern verändert und ich kann nun deutlich mehr Verständnis aufbringen. Die Erwartungen sind enorm hoch. Sie müssen immer perfekt sein, dürfen keine Schwäche zeigen, sonst zerreißt man sich morgen bereits den Mund über sie. Egal was sie sagen, irgendwer fühlt sich dann doch wieder beleidigt; egal was sie machen, man hätte mehr, weniger oder es einfach grundlegend ganz anders machen müssen. Es gibt 80 Millionen Interessen, die vertreten werden müssen, insbesondere die des eigenen Wahlkreises, um nicht plötzlich arbeitslos zu werden. Der Position der Partei sollte bestenfalls Folge geleistet werden, wenn man nicht als Rebell in die Isolation gestellt werden möchte und irgendwie ist man dann vielleicht auch noch in einer Koalition und muss Entscheidungen, die nur unter großen Kompromissen entstehen konnten, als größten Erfolg der Geschichte verkaufen.

 

Als Politiker hat man aufgrund einer sinnvollen Arbeitsteilung mit der Ausarbeitung von circa 95% – frei erfundene Prozentangabe – der Gesetze nichts zu tun. Ein Mitgestalten ist schlichtweg nicht möglich, da die Themen zu komplex sind, um sich durch ein oder zwei Zeitungsartikel eine Meinung zu bilden.

Dem Allen muss man gerecht werden! Für Entscheidungen, mit denen man nichts zu tun hatte und die vielleicht nicht einmal der eigenen Meinung entsprechen, steht man Rede und Antwort im Wahlkreis und muss irgendwie nett lächeln dabei. Das ist auch der Grund für diesen grässlichen Politiksprech: Man muss dieses Kompromisspaket ja irgendwie verkaufen, um seine Wähler zufriedenzustellen. Das Schlimmste wäre, einen Misserfolg öffentlich zuzugeben. Aber genau da hängt doch der Haken, der Grund für die Politikverdrossenheit und die Unzufriedenheit mit unseren Volksvertretern.

 

Denn der Schrei nach Authentizität in der Bevölkerung ist groß. Das ist auch der Grund, warum Trump und Kretschmann so erfolgreich sind. Man hört sie sprechen und hat das Gefühl, dass man gerade deren ungefilterte, eigene Meinung hört. Warum kann ein Politiker, wenn er einen Fehler begangen hat, nicht einfach sagen: „Tut mir leid! Das war echt scheiße!“ Frei von der Leber, so wie sie tatsächlich denken und fühlen.

 

Man stellt sich so wohl oft die Frage: Was sind denn die tatsächlichen Absichten der Politiker? Nutzen sie ihre Macht nur um weiterhin an der Macht zu bleiben und Teil der dicken Geschichtsbücher zu werden, oder um die Welt zu verbessern und verändern? Dazu muss man Politikern natürlich genau auf die Finger schauen. Es muss hinterfragt werden, welche Interessen hinter welcher Entscheidungen stehen. Gleichzeitig ist es die Aufgabe der Bevölkerung einen Blick jenseits des Tellerrandes zu wagen! Nicht jede Entscheidung eines Politikers, von der man nicht profitiert oder vielleicht sogar eingeschränkt wird, ist falsch. Wir sind alles Menschen auf dieser Welt, mit denselben Rechten auf Wohlstand und Freiheit. Wir müssen der Politik den Spielraum überlassen, auch ungemütliche Entscheidungen zu treffen, vielleicht zu meinem Leidwesen, aber zum Wohle der Mehrheit. Arbeitslosengeld? Pff, bringt mir doch nichts, ich bin schließlich bald Student, kann man abschaffen. Bafög bekomme ich nicht, aber das Kindergeld könnte die Politik mal wieder erhöhen, da hätte ich was davon… Quatsch! Als Politiker muss man das Gemeinwohl im Blick haben und das hat zur Folge, dass finanziell stärkere Bürger nur begrenzt von unserem Staat profitieren. So ist das nun mal in einem Sozialstaat!

 

Solange sich Politiker in Anzug und geschleckten Haaren mit ihrem Politksprech selbst beweihräuchern, braucht man sich nicht wundern, dass die Bevölkerung sich nicht mehr mit ihnen identifizieren kann und sich fragt für wessen Wohl die Entscheidungen dort getroffen werden. Dies zeigt sich am Deutlichsten in der neuerlichen Popularität der AfD.

 

Ich hatte das Glück hinter die Kulissen schauen zu können und durfte feststellen, dass nicht alle Politiker ausschließlich einen Anzug tragen. Das Mysterium Politik, was sich bisher für mich in einer anderen Sphäre bewegte, war plötzlich ziemlich greifbar. Ich kam selber mit Politikern in Kontakt und merkte, dass das überraschenderweise auch nur Menschen sind. Es gab viele Nette, aber natürlich auch ein paar weniger Nette.

Das ist für mich eines der größten Aufgaben der Politik und damit der Politiker, wieder lebensnaher, greifbarer, „echter“ zu werden. Dazu gehört natürlich auch das Interesse der Bevölkerung an den Politikern. Es ist leichter als man denkt, mit Politiker in Kontakt zu treten und sich selber ein Bild von der „Echtheit“ ihrer Abgeordneten zu machen.

 

 

Veröffentlicht in Unkategorisiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.